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Torgelower Ergebnisse

4. Oktober 2017

FORUM MV Jahreskonferenz 2017 - Zusammenfassung der Arbeitsgruppenergebnisse

Die Jahreskonferenz 2017 fand am 04. Oktober 2017 mit über 100 Akteuren der ländlichen Räume in Torgelow statt. Die Teilnehmenden trugen in moderierten Gesprächsrunden zu den Themen

  • Innovation – die neue Dorfmitte,
  • Jugend – Beteiligung und Mitbestimmung,
  • Kultur – Identifikation und „neue Ländlichkeit“ und
  • Mobilität – Voraussetzung für Teilhabe

ihre Gedanken zusammen und konzentrierten sich dabei auf größte Herausforderungen und erwünschte Lösungsansätze.

Die Ergebnisse sollen in den Verwaltungen und der Politik von Mecklenburg-Vorpommern Beachtung finden und Impulse für eine gemeinsame Erarbeitung von Lösungen setzen. Daher wird das FORUM MV die Torgelower Ergebnisse an zuständige Stellen weiterleiten, um dort bearbeitet zu werden.

Innovation – die neue Dorfmitte

Die Mitte, das Zentrum eines Ortes, spiegelt seit jeher die Geschichte und Vitalität unserer Städte und Dörfer wider. Handel, Gewerbe, Wohnen und Soziales, die Mischung aus Repräsentanz und Funktion gibt dem Zentrum eines jeden Ortes eine über die Generationen gewachsene, einzigartige Identität.

Herausforderungen:

  • In Folge wirtschaftlichen und demografischen Wandels droht in den Ortskernen kleiner Städte ein Funktionsverlust (Wohnen-, Handels-, Gewerbeleerstand) und der bauliche Zerfall, der Identitätsverlust und Stigma mit sich bringt. Wohnungsleerstand, vor allem in Plattenbauten aus DDR-Zeiten, beeinträchtigen enorm die Ortsbilder von kleineren und größeren Dörfern.
  • Viele Aktive im ländlichen Raum sind ehrenamtlich tätig und bewältigen oft viele Aufgaben gleichzeitig. Ihnen fehlt es an politischer und fachlicher Unterstützung, Materialien, Weiterbildungen und Zuspruch.
  • „Schlafdörfer und Schlafstädte“ sind entstanden, die Handel, soziales Leben, Arbeiten und Gewerbe im Ortskern verdrängt haben.

Lösungsansätze:

  • Die Ortsmitte muss gestärkt werden durch eine Sensibilisierung aller Aktiven (Planende, Verwaltung, Eigentümer, Wirtschaft, Handel etc.), durch den Erhalt und (Um)nutzung gebauter Identität statt Bauen auf der „grünen Wiese“, durch das Zulassen von Kreativität für neue zeitgemäße Nutzungen im Leerstand. Dieser Ansatz wird durch die „Landesinitiative Neue Dorfmitte“ umgesetzt. Chancen zur Belebung von Dörfern sind durch den Ausbau der Breitbandinfrastruktur zu nutzen.
  • Die Bearbeitung von Förderanträgen in der Verwaltung sollte beschleunigt werden damit die Gemeinden rechtzeitig, planbare und notwendige Investitionen tätigen können.
  • Ohne den Ansatz Innenentwicklung vor Außenentwicklung aufzugeben, muss die Bereitstellung von Wohnbauland in Gemeinden je nach Nachfrage flexibel möglich sein. Starre Vorgaben passen nicht zu dynamischen Prozessen zwischen wachsenden und schrumpfenden Kommunen. Behörden sollten vorhandene Ermessensspielräume nutzen.

Jugend – Beteiligung und Mitbestimmung

Kinder und Jugend haben das Bürgerrecht auf Selbst- und Mitbestimmung. Sie wollen informiert werden, mitwirken und mitentscheiden sowie in ihren Lebensbereichen Selbstverantwortung übernehmen. Dieser Umgang mit Kindern und Jugendlichen entfaltet Bindungskräfte und minimiert Konfliktpotenziale.

Herausforderungen:

  • Kindergärten, Schulen und Jugendeinrichtungen schließen in kleinen Städten und Dörfer.
  • Orte der Kommunikation gehen somit verloren und Freizeit- sowie Begegnungs-möglichkeiten sind Mangelware in ländlichen Gebieten.
  • Hinzu kommt ein hoher Mobilitätsaufwand zum Besuch von Schulen und Freizeitangeboten.

Lösungsansätze:

  • Der Wunsch von Kindern und Jugendlichen nach sozialer und kultureller Infrastruktur darf durch eine Politik im demografischen Wandel nicht marginalisiert werden.
  • Kindern und Jugendlichen muss es ermöglicht werden, in ihren Lebensbereichen Selbstverantwortung zu übernehmen, z. B. in Jugendparlamenten.
  • Bei der Erstellung von Entwicklungskonzepten und der Umsetzung von Projekten muss die Beteiligung dieser Altersgruppe Berücksichtigung finden.

Kultur – Identifikation und „neue Ländlichkeit“

Kunst- und Kulturangebote tragen wesentlich zur Lebensqualität in den Städten und Dörfern des ländlichen Raums bei. Traditionelle Kultur ist ein Teil der örtlichen Geschichte und wichtig für die Identität. Künstlerinnen und Künstler sowie Kulturschaffende transportieren mit ihrer Arbeit und ihrer Lebensgestaltung darüber hinaus ein besonderes Lebensgefühl, nutzen Räume und Gebäude neu und ziehen andere nach. In diesem Zusammenhang wird von einer „neuen Ländlichkeit“ gesprochen.

Herausforderungen:

  • Die Bedeutung von künstlerischer und kultureller Arbeit auf Gesellschaft und Wirtschaft und damit auf Attraktivität und Entwicklung von strukturschwachen, ländlichen Regionen wird zu wenig anerkannt und wertgeschätzt. Auf kommunaler und Landesebene fehlt es diesen Themen wie kulturelle Bildung, Kunst- und Kreativwirtschaft oder Engagement in Kulturprojekten an einer starken Lobby und damit häufig auch an ausreichender Finanzierung.
  • Das Wissen um die Angebote und die aktive Teilnahme an künstlerischen und kulturellen Veranstaltungen ist noch zu gering und wird durch die schwach ausgebildete Kommunikations- und Mobilitätsinfrastruktur zusätzlich erschwert.
  • Die Besonderheiten im kulturellen Veranstaltungs-, Arbeits- und Urheberrecht sowie die aktuelle Förderkulisse für künstlerische und kreativwirtschaftliche Prozesse sind den Aktiven zu wenig bekannt. Antrags- und Abwicklungsverfahren für Förderprojekte werden als zu bürokratisch und kompliziert gesehen.

Lösungsansätze:

  • Das Konzept einer „neuen Ländlichkeit“ und die Rolle von Kunst und Kultur für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft im ländlichen Raum muss weitergedacht und weiterentwickelt werden.
  • Kreative Potenziale von Kunst und Kultur können wirksamer und gezielter für die Entwicklung strukturschwacher ländlicher Räume genutzt und gefördert werden, z. B. über LEADER, über modellhafte Projekte im Zusammenhang mit den Ländlichen Gestaltungsräumen des Landesraumentwicklungsprogramms oder über einen Landeswettbewerb KUNSTDorf.
  • Die Kreiskulturräte sind Vernetzungsstelle, Interessenvertretung und Sprachrohr der Kunst- und Kulturschaffenden und brauchen politische Unterstützung bei regionalen Kulturentwicklungsprozessen z. B. durch das Schaffen einer Managementstelle.

Mobilität – Voraussetzung für Teilhabe

Öffentliche und bezahlbare Mobilität ist für die Entwicklung des ländlichen Raums zwingend notwendig. Das betrifft sowohl die Mobilität zwischen den kleinen Dörfern und Siedlungen, als auch die zu den nächsten Grund- und Mittelzentren.

Herausforderungen:

  • Landkreise ziehen sich immer weiter aus der Versorgung der Fläche zurück, weil sie diese nicht mehr bezahlen können.
  • Zahlreiche Gemeinden in peripheren Regionen stehen unter Haushaltssicherung und dürfen keine freiwilligen Leistungen wie Mobilitätsangebote erbringen.
  • Bewohner haben sich damit arrangiert, dass kein Bus mehr fährt und versuchen individuelle Lösungen zu schaffen.

Lösungsansätze:

  • Die weit verbreitete Anspruchshaltung, dass allein der Staat für Mobilität verantwortlich ist, muss überwunden werden.
  • Es bedarf einer stärkeren Unterstützung der ehrenamtlichen Organisation von Mobilität in den ländlichen Räumen wie z. B. Dorfbusse, Bürgerbusse, Dorftaxi und Ridesharing.
  • Die Gründung kommunaler Mobilitätsarbeitsgruppen mit Verantwortlichen für öffentliche Verkehre ist hierbei ein wichtiger Erfolgsfaktor.
  • Gemeinden sollten für Mobilitätsangebote eigenwirtschaftliche Einkünfte, z. B. durch die kommunale Energieproduktion, einsetzen.

 

Ziel des FORUM ländliche Entwicklung und Demografie Mecklenburg-Vorpommern ist es, die regionalen und lokalen Akteure in einer nachhaltigen Entwicklung zu unterstützen und Aktionen zu bündeln. Kommunikation, Vernetzung und Gestaltung von Prozessen stehen dabei im Mittelpunkt.

Zuhören und verändern – ländliche Räume lebenswert gestalten ist deshalb das Motto der Arbeit des FORUM MV.

Die Teilnehmenden der Jahreskonferenz 2017 in Torgelow haben einen Prozess angestoßen, der in den nächsten Jahren eine veränderte Wahrnehmung der Belange von ländlichen Räumen in Mecklenburg-Vorpommern bewirken soll.

 

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